Philip Lethen - der die Stars vom Himmel holt

"Ich schneide gerne Kopfe ab." Was ist das für ein Mensch, der so etwas sagt? Ein netter: Philip Lethen, ein Fotograf aus Krefeld.

Von HOLGER HINTZEN



Philip Lethen schon mal auf Besuch in der Walhalla - fotografiert von seinem, Band-Kollegen Jansen.

KREFELD. Falls es im Himmel goldgelb ist, hat Philip Lethen gerade einen Engel vor der Linse: Die Arme verschränkt, mit dem Kinn den Rollkragen ihres schwarzen Pullovers liebkosend sitzt Nina Persson an einen fein gedeckten Tisch und schaut aus großen dunklen Augen mitten ins Objektiv. Ein Blick, der auf bezaubernde Weise zwischen Sanftmut und Willensstärke changiert. Selbst das im PC gespeicherte, von güldenem Schein durchtränkte Abbild der Cardigans-Sängerin beeindruckt den Fotografen noch immer. "Ist sie nicht süß", fragt Lethen und lässt die Computermaus für einen Moment ruhen. Hach, jaaa!

Die Tücke liegt im Weinglas

Eine Verabredung mit einer Popgröße, noch dazu mit einer solch gut aussehenden, in einem feinen Restaurant - der gewöhnliche Gucker bräuchte einiges an Willenskraft, nicht in debiles Stieren zu verfallen. Lethen ist zum Glück Fotograf. Und als solcher Manns genug, auch auf die Weingläser zu achten. Die sind auf dem Tischtuch vor Frau Persson so arrangiert, dass der Blick des Betrachters immer wieder wider Willen auf das verschwimmende, Gefäß im Vordergrund springt. Gemein!

Der 30-jährige Krefelder hat eben nicht nur das Eine - das Gesicht - im Kopf, wenn er Menschen portraitiert. Eine Situation, ein Accessoire, ein Ambiente - erst wenn ein Star zurechtgerückt ist, wird seine Person sichtbar. So scheint eins von Lethens fotografischen Rezepten zu lauten. Geradezu ein Markenzeichen des ehemaligen Folkwang-Studenten ist der gelb- bis grünliche, mittels lang erprobter Filtertechniken beim Entwickeln erzeugte Farbstich geworden. Und bisweilen greift der ansonsten sehr höfliche Mensch gar zu richtig rabiaten bildnerischen Mitteln: "Ich schneide gerne Köpfe ab. Denn dann wird ein anderes Element wichtig." So gewinnen etwa die erstklassig gewienerten Lederschuhe von Ben Becker unverhoffte Präsenz.

Dabei sind unter den Köpfen, die vor Lethens Linse kamen, etliche vorzeigbare gewesen. Für den "Focus" lichtete er beispielsweise Bond-Bösewicht Claude Oliver Rudolph ab, das britische Magazin "Wire" schmückte sein Portrait von Karl-Heinz Stockhausen: der Pionier der elektronischen Musik vor einem Regal voller Kuhglocken. Schräg? Viel schräger findet Lethen seine Arbeit für "Die Woche": Modern Talking vor schlichtem Falten-Vorhang - einer der seltenen Verstöße gegen den Grundsatz, nur Musiker zu portraitieren, die er gut findet.

Warum Lethen, der in seinen letzten Teenager-Jahren mit einer geliehenen Kamera durch Krefeld zu stromern begann, in der Musik-Szene ein gefragter Fotograf ist, erhellt ein Besuch in seinem Büro: Keyboards, E-Gitarren, ein Schlagzeug - man könnte meinen, der olle Schreibtissch mit den beiden PC-Bildschirmen stünde irrtümlich im Proberaum einer Band. Und da ist ja auch was dran: Lethen spielt nicht nur alle diese Instrumente, sondern auch noch Kontrass in der Schrägpop-Combo JANSEN.

Kauziges aus den Nieper Kuhlen

Inzwischen ordern nicht Musik-Fachpostillen wie Spex oder Rolling Stone Lethens Bilder. Was schön ist, weil sich der Folkwang-Student schon immer auch für anderes interessierte. So entstanden kauzige Fotoserien über die Bewohner Sumpflandschaft Nieper Kuhlen bei Krefeld, eine eigenwillige Foto-Safari zu den Stationen der Niederrhein-Krimis von Leenders/Bay/Leenders und - gemeinsam mit dem Krefelder Autor Thomas Hopes - fotografisch-literarische Meditationen zu Gemälden von Francis Bacon. Wie gesagt: Lethen hat nicht nur das Eine im Kopf.

Philip Lethen im Internet:
http://www.philiplethen.com, http://www.bilderrausch.net/lethen/

Quelle: Rheinische Post, 10. Januar 2002

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